Trübes Wasser – Trübe Stimmung? [Nicht unbedingt!]
09 | 05 | 2022 PraxisText & Fotos: Alexander Keus 0346
09 | 05 | 2022 Praxis
Text & Fotos: Alexander Keus 0 346

Trübes Wasser – Trübe Stimmung? Nicht unbedingt!

Wir können das Wetter nicht kontrollieren. Aber wir können entscheiden, ob wir fischen gehen oder zu Hause bleiben. Und wer bei erhöhtem Pegel und trübem Wasser vier Fragen richtig beantwortet, der kann grosse Überraschungen erleben. 


April! April! Der weiss nicht, was er will. Bald lacht der Himmel klar und rein, bald schau'n die Wolken düster drein, bald Regen und bald Sonnenschein!» Treffender hätte der Schriftsteller Heinrich Seidel vor über 100 Jahren in seinem Frühlingsgedicht das Aprilwetter nicht beschreiben können. Oft lassen kräftige Regengüsse die Pegel der Gewässer sprunghaft ansteigen und die Flüsse verwandeln sich in reis­sende braune Suppen. Solche Wetterkapriolen durchkreuzen die Ausflugspläne von uns Fischern in unschöner Regelmässigkeit, lassen bisweilen ganze Urlaube ins Wasser fallen. Und das nicht nur im wechselhaften Frühling. 

Wer jedoch lernen möchte, wie Fische auch bei nicht idealen Wasserständen gefangen werden können, der sollte sich auch einmal bei schwierigen Verhältnissen an den Fluss wagen. Vier kurze Fragen können dann helfen, den Fisch in der braunen Brühe zu finden. 

 Grosse Forellen verlassen ihre Unterstände oftmals nur im Dunkeln oder bei stark angetrübtem Wasser.

Grosse Forellen verlassen ihre Unterstände oftmals nur im Dunkeln oder bei stark angetrübtem Wasser.


Wann lohnt es sich zu gehen?

Die erste Frage bezieht sich nicht auf eine Tages- oder Uhrzeit, sondern auf einen bestimmten Bereich im Kurvenprofil des Pegels. Denn ein sprunghafter Anstieg des Wasserstands wirkt sich auch auf das Fressverhalten von Forellen und Äschen aus. Ihr Lebensraum wird plötzlich verändert. Die Fliessgeschwindigkeit der Hauptströmung nimmt deutlich zu und aufgewühlte Sedimente trüben das Wasser ein. Die Sicht der Salmoniden wird schlagartig verschlechtert. In dieser Phase beginnen die Fische zu wandern und die Aussichten auf Erfolg sind minimal. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich Forellen und Äschen im Flussbett neu orientiert haben und neben Schutz wieder an Nahrung denken. Sobald die Wasserstände stagnieren oder spätestens dann, wenn die Pegel zu fallen beginnen, darf wieder mit fressenden Fischen gerechnet werden. Der meist nur über wenige Stunden steigenden Kurve steht dann eine wesentlich längere Phase mit sinkendem Wasser gegenüber. Freilich dürfen während dieser Zeit keine Sternstunden erwartet werden. Selbst an Flüssen mit einem hervorragenden Fischbestand müssen Kontakte hart erarbeitet werden. Aber gerade an öffentlichen Strecken mit hohem Befischungsdruck sind kleine und mittlere Hochwasser eine passende Gelegenheit, den Fluss ungestört und intensiv befischen zu können und auf erfahrene und scheue Grossforellen zu stossen. Dafür müssen sie aber zunächst aufgespürt werden.


Wo stehen die Fische?

Einer Analyse des Pegelkurvenprofils schliesst sich deshalb die zweite Frage an. Während die Pegel stagnieren oder zu fallen beginnen, sind Flussabschnitte im Oberlauf vorzuziehen. Je weniger Nebengewässer oder Zuläufe, desto besser. Die flacheren Zonen in der Nähe von Rinnen und Pools sind besonders geeignet. Denn während bei normalem Pegel die grösseren Forellen und Äschen häufig die tiefen Bereiche im Fluss für sich beanspruchen und ihre Nahrung ausserhalb von Schlupfzeiten vornehmlich in einer strömungsarmen Grenzschicht am Flussgrund aufnehmen, wandern sie bei erhöhten Pegeln teilweise von dort fort. Zum einen beeinträchtigt das trübe Wasser in der Flussmitte oder an Prallufern in Flussbiegungen ihre Sicht. Zum anderen steigt der Strömungsdruck in der gesamten Wassersäule. Die üblicherweise begehrten Standplätze an den Kanten der Hauptströmung werden zugunsten der Uferzonen verlassen. Im Flachwasser ist der Strömungsdruck deutlich reduziert und Forellen und Äschen können ihren stetigen Nahrungsbedarf ohne zu hohen Energieaufwand decken. Die knietiefe «Kinderstube» beherbergt plötzlich nicht mehr nur Jungfische, sondern auch ausgewachsene Prachtsexemplare. Insbesondere dann, wenn Steine oder Totholz diese Randbereiche zusätzlich strukturieren und Kehrströmungen bilden.

 Bei hohem Wasserstand schlägt die Stunde der auffälligen Streamer.

Bei hohem Wasserstand schlägt die Stunde der auffälligen Streamer.


Womit wird gefischt?

Bei Trübung und erhöhten Pegelständen denken die meisten sofort an Streamer. Grosse Wooly Bugger oder Zonker in dunklen Farben versprechen einen starken Kontrast. Die Muster werden mit Tungstenperlen und Blei beschwert und vielleicht sogar an einem Sink Tip präsentiert, damit sie zügig auf Tiefe gelangen und nicht so schnell zur Oberfläche gedrückt werden. Die grösste Herausforderung besteht darin, den Streamer in das Blickfeld der Forellen zu bringen – und dort ausreichend lang zu halten. Denn das Sichtfeld eines Fischs, der bei klarem Wasser Nahrung in zwei Meter Entfernung wahrnehmen kann, ist bei trübem Wasser womöglich auf weniger als 50 cm begrenzt. Lange Verfolgungsjagden und Attacken aus grösserer Entfernung sind bei Hochwasser unwahrscheinlich. Es ist demnach aussichtsreicher, nicht auf einen Swing stromab durch die Flussmitte zu setzen, sondern stromauf den eigenen Uferbereich mit kurzen Driften abzusuchen oder den Streamer statisch in der Strömung über aussichtsreichen Stellen spielen zu lassen. 

Ich persönlich bevorzuge die Präsentation einer Nymphe. Denn grundsätzlich werden durch den stärkeren Strömungsdruck viele aquatische Insekten weggespült und bereichern das Nahrungsangebot immens. An Gewässern mit steinigem Grund kommen grosse Steinfliegenlarven (Hakengrössen 4-8) in Frage. Selbst sie können sich unter Umständen nicht länger im Geröll festkrallen und werden als schlechte Schwimmer zu einer leichten, kalorienreichen Beute. Aber auch Köcher bauende Vertreter der Trichoptera finden sich während dieser Zeit vermehrt auf dem Speiseplan wieder. Ihre an den Steinen haftenden Wohnröhren werden gelöst und abgetrieben. Eine Cased Caddis (Haken­grös­sen 8-12) zählt daher für mich zu einem geeigneten Muster. Neben diesen Köcherfliegen sollte die Fliegendose zusätzlich einige Imitationen von Bachflohkrebsen (Hakengrössen 10-14) umfassen. Insbesondere im Frühling und Herbst sind sie in grosser Anzahl vertreten und werden gleichermassen vom plötzlichen Wasseranstieg überrumpelt und aus ihren steinigen oder hölzernen Verstecken gespült. Der Vorteil besteht bei allen drei Mustern darin, dass sie stark beschwert werden können, ohne dass die natürliche Silhouette verfälscht wird. Während ich meine Steinfliegen jedoch vollkommen schwarz halte, setze ich sowohl bei der Cased Caddis als auch bei den Bachflohkrebsen auf Hotspots aus fluoreszierenden Materialien.

 Der Autor verwendet bei trübem Wasser bevorzugt grössere Nymphen mit Reizpunkten aus fluoreszierenden Materialien.

Der Autor verwendet bei trübem Wasser bevorzugt grössere Nymphen mit Reizpunkten aus fluoreszierenden Materialien.


Das natürliche Nahrungsvorkommen wird in Zeiten erhöhter Pegel darüber hinaus noch durch andere Leckerbissen in Ufernähe erweitert. Gemeint sind zum einen die Larven der Schnaken. Da ihre Eiablage typischerweise in feuchten Böden, zum Beispiel auf Wiesen in Gewässernähe, im Gewässerschlamm oder im Totholz erfolgt, werden die walzenförmigen Larven ohne Beine bei hohem Wasser­ plötzlich interessant. Imitiert werden können die runden und dadurch schnell sinkenden Körper durch gräuliche, gelbliche oder grünliche Wollfasern (ähnlich zum Killer Bug). Gemeint sind zum anderen Würmer. Insbesondere in den USA gehört der aus roter Chenille gebundene San Juan Worm (benannt nach dem San Juan River in Colorado) seit geraumer Zeit zu den beliebtesten Mustern bei Hochwasser. In Polen entstand hingegen der Vladi Worm. Auf einen gebogenen Streamerhaken montiert, besteht er in seiner ursprünglichen Variante lediglich aus einem Unterkörper aus roter Binde­seide, der zunächst mit dem Streifen eines Kondoms und anschliessend mit Monofil gerippt wird. Im letzten Jahr liess dann der Squirmy Wormy viele Fliegenfischer abermals abwertend ihre Nasen rümpfen. Ebenfalls aus Amerika kommend werden für diese Muster rote, pinke oder gelbe elastische Schnüre mit einem Durchmesser von 2-3 mm verwendet, die unter Wasser ein attraktives Spiel erzeugen sollen. Zugegeben: Würmer gehören ganz offensichtlich nicht zu den Insekten. Aber Würmer gehören unbestritten zur natürlichen Nahrung von Forellen und Äschen. Insbesondere dann, wenn es sich um aquatische Vertreter handelt oder die terrestrischen Exemplare im Uferbereich vom Wasser erfasst werden. Wahrscheinlich ist es jedoch das negative Image des «Wurmbaders», das viele Fliegenfischer lieber zu einem Streamer als zum Imitat eines Wurms greifen lässt.

 Sofern das Wasser nicht allzu trüb ist, verheisst ein randvoll gefülltes Bachbett hohe Bissfrequenzen für den Nymphen- und Streamerfischer.

Sofern das Wasser nicht allzu trüb ist, verheisst ein randvoll gefülltes Bachbett hohe Bissfrequenzen für den Nymphen- und Streamerfischer.


Wie wird präsentiert?

Ob nun Streamer, Steinfliege, Köcherfliege, Bachflohkrebs, Schnake oder doch der Wurm: Alle Muster werden bei erhöhtem Pegel und trübem Wasser vorzugsweise in den flacheren und langsamer fliessenden Uferbereichen stromaufwärts präsentiert. Aufgrund der Trübung kann man sich Forellen und Äschen vorsichtig von hinten nähern und muss keine langen Distanzen überbrücken. Die Driften fallen sehr kurz aus, die Würfe ebenfalls. Statt auf Weite kommt es auf Präzision und Häufigkeit an: Die potenzielle Nahrung – die bei Trübung weniger genau inspiziert wird – muss ihren Weg zum Maul des Fischs finden. Die Salmoniden scheren in Zeiten von Nahrungsüberschuss und hohem Strömungsdruck nicht weit aus. Und während bei normalem Wasserstand und klarem Wasser wenige saubere Driften ausreichen, können bei Hochwasser viele Versuche an der gleichen Stelle nötig sein. Wenn ich üblicherweise möglichst viele aussichtsreiche Stellen eines Gewässerabschnittes befische, konzentriere ich mich demzufolge bei widrigen Bedingungen lieber auf wenige Hotspots. Unter Umständen kann es 20 oder sogar 30 natürliche Driften dauern, bevor der erhoffte Ruck im gestreckten Vorfach erfolgt. Manchmal führt ein leichter Impuls über die Rutenspitze oder ein Heben und Senken schneller zum Erfolg. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es in beiden Fällen jedoch ein grösseres Exemplar, das Interesse bekundet hat. Denn vor allem die ausgewachsenen Forellen und Äschen lassen sich von Hochwassern nicht be­irren und nehmen an den neuen Standplätzen fast stetig Nahrung auf. 

 Der Regen ist ein willkommener Begleiter beim Flussfischen. Er spült viel Nahrung ins Gewässer: beste Voraussetzungen für Sternstunden.

Der Regen ist ein willkommener Begleiter beim Flussfischen. Er spült viel Nahrung ins Gewässer: beste Voraussetzungen für Sternstunden.


Daher empfiehlt es sich – zumal der erhöhte Strömungsdruck während des Drills zusätzlich auf das Vorfach wirkt – die Spitze etwas stärker als normalerweise zu wählen. Auch die Rute fällt dann bei mir etwas kräftiger aus. Bin ich ansonsten ein begeisterter Anhänger von langen Ruten in den Klassen 2 oder 3, stellt eine 10 ft. Rute in Klasse 4 für das Nymphenfischen mit einem gestreckten Vorfach bei erhöhten Pegeln eine sinnvollere Alternative dar. 

Mit diesen kleinen Anpassungen, ein paar geeigneten Mustern in der Fliegendose, einem aufmerksamen Blick für die neuen Standplätze im Fluss und einem Gespür für den richtigen Zeitpunkt ist trübes, hohes Wasser kein Grund für trübe Stimmung. Im Gegenteil. Die Chancen, etwas über das Verhalten von Forellen und Äschen ausserhalb idealer Bedingungen zu lernen, vielleicht alleine am Fluss unterwegs zu sein und einem Grossexemplar im Flachwasser zu begegnen, ziehen mich auch an einem verregneten Wochenende nach draussen. 

 

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren: