Carbon-Ruten verstehen: Aufbau, Aktion, Einsatz
12 | 01 | 2026 Praxis | ProdukteText: Robin Melliger & Nils Anderson 0555
12 | 01 | 2026 Praxis | Produkte
Text: Robin Melliger & Nils Anderson 0 555

Carbon-Ruten verstehen: Aufbau, Aktion, Einsatz

Eine leichte Faser hat die Fischerei revolutioniert: Leichter, steifer, schneller – und sehr sensibel. Wie aus Carbon eine Rute entsteht, wann welche Carbon-Art passt, wo die Blanks hergestellt werden und welche Stärken und Schwächen das Material mitbringt – genau darum geht es in diesem Bericht.


Carbon (Kohlefaser) ist ein sehr leichtes und zugleich steifes Faser­material aus nahezu reinem Kohlenstoff. In Verbindung mit Harzmaterialien entsteht eine Verbindung, welche hohe Festigkeit bei geringem Gewicht liefert. Eingesetzt wird Carbon in vielen Bereichen. So beispielweise in Luft- und Raumfahrt, bei Autos und Motorrädern, Velos, Sportgeräten und in der Medizintechnik. Die ersten Fischerruten aus Carbon wurden Anfang der 1970er-Jahre von den Marken Fenwick und Hardy auf den Markt gebracht. Zuvor dominierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Materialien Holz, Bambus und die wegen seiner Robustheit noch immer gerne eingesetzte Glasfaser den Rutenbau. Zwischenzeitlich gab es auch Vollglas- und Stahlruten und zu Beginn des Kohlefaserbooms auch Boron-Ruten, wo auf das Element Bor statt auf Kohlenstoff gesetzt wurde, was sich jedoch nicht flächendeckend durchsetzen konnte.

Seither hat sich im Spinnfischen wie auch bei den Fliegenruten viel getan. Auffällig ist vor allem, wieviel günstiger die Ruten geworden sind; fürs gleiche Geld bekommt man heute insbesondere beim Spinnfischen deutlich mehr Qualität als noch vor 20, geschweige denn 30 Jahren. In diesen Zeitraum fällt auch der Siegeszug der geflochtenen Schnüre. Noch vor 20 Jahren fischte die überwiegende Mehrheit der Spinnfischer ausschliesslich mit monofilem Silch. Heute hat sich das alles grundlegend geändert und Carbon dominiert in fast allen Bereichen.

 Verschiedene Blanks, verschiedene Eigenschaften: Carbon ermöglicht eine riesige Palette von Rutentypen, von robust bis schnell und von weich bis hart. © Nils Anderson

Verschiedene Blanks, verschiedene Eigenschaften: Carbon ermöglicht eine riesige Palette von Rutentypen, von robust bis schnell und von weich bis hart. © Nils Anderson


Carbon ist nicht gleich Carbon

Die Vorteile von Carbon sind klar. Weniger Gewicht, mehr Gefühl, eine hohe Effizienz im Wurf, die präzise Führung und direkte Kontrolle. Dazu kommen fast unbegrenzte Möglichkeiten für die Rutenbauer: Eine Lage hier, eine Verjüngung da und die Rute ändert ihr Wesen. Doch auch Carbon ist nicht ohne Nachteil. So ist es empfindlich gegen punktuelle Belastung. Falscher Druck oder etwa der Schlag eines Köders auf den Blank kann bereits das Ende bedeuten. Letzteres kann Mikroschäden bewirken, nach welchen die Rute fast aus heiterem Himmel zu Bruch gehen kann. Auch sollte man, wenn an einer ultraleichten Rute ein schwerer Fisch hängt, diese nicht kerzengerade halten.

Viele Hersteller schreiben von «Tonnen» wie 24T, 30T, 36T, 40T oder 46T. Diese Tonnen stehen für die Steifigkeit der Faser. Höhere Werte bedeuten steifer und leichter, leiten also mehr Informationen in das Handteil weiter. Diese Ruten werden gerne bei Finesse-Angelegenheiten wie dem leichten Jiggen eingesetzt, wo das Feedback des Köders essenziell ist. Ruten aus steifen Fasern fühlen sich also besonders schnell an. In der Regel werden deshalb immer verschiedene Faserstärken kombiniert.

Weichere Fasern im hinteren Bereich der Rute garantieren ein starkes Rückgrat und mehr Stabilität, während steifere Fasern in der Spitze Tempo und Gefühl bringen. Nicht wenige Ruten verfügen über einen sogenannten «Solid Tip», eine besonders sensible, das heisst zugleich dünne und leichte Spitze. Damit lässt sich sehr fein fischen, doch verzeihen diese Ruten kaum Fehler in der Handhabung.

 Erstaunliche Formen sind mit Carbonfasern möglich, hier ergonomisch geformte Handteile einer Rute.

Erstaunliche Formen sind mit Carbonfasern möglich, hier ergonomisch geformte Handteile einer Rute.

«Alle Ruten können Fische fangen. Der Erfolg hängt von der Hand ab, die sie führt. Aber es gibt Ruten und Ruten! Die guten sind rar.»
Zitat Charles Ritz, «Erlebtes Fliegenfischen»

 

Die verschiedenen Carbonarten

Blank Charakter Vorteile Nachteile Einsatzgebiet
24T Robust, eher weich Langlebig, fehlertolerant Etwas schwerer, weniger sensibel Einsteiger, harte Beanspruchung, Schleppfischerei
30T Ausgewogen Gutes Verhältnis aus Gewicht/Robustheit Wenig sensibel Allround-Spinnruten, Hecht/Barben, Gummifisch mittel
36T Straff & leicht Höhere Sensibilität, schneller Rückstell-Effekt Etwas empfindlicher Jiggen/Spinnen, Zander/Hecht, leichtere Köderführung
40T Sehr leicht & schnell Top Sensibilität, präzise Bisserkennung, teuer Teuer, stossempfindlich Finesse/Jiggen, weite Würfe bei geringem Gewicht
46T High-End, ultra-schnell Maximal leicht/sensibel Sehr teuer, bruchempfindlich bei falschem Handling Turnier/Finesse, sehr technische Anwendungen

 

 Im Premium-Segment bedeutet Rutenbau immer noch viel Handarbeit, wie dieser Einblick in die US-Rutenfabrik von St.Croix zeigt. © Nils Anderson

Im Premium-Segment bedeutet Rutenbau immer noch viel Handarbeit, wie dieser Einblick in die US-Rutenfabrik von St.Croix zeigt. © Nils Anderson


Der Bau einer Rute

Am Anfang jeder Carbon-Rute steht der Mandrel (Stahldorn), welcher Länge und Grundcharakter bestimmt. Darauf werden genau definierte, per Computer zugeschnittene und vorgeharzte Kohlefaser-Bahnen gerollt: längs für Zugkraft und Stabilität, halbquer gegen Verdrehen, und quer als Stütze. In einem Ofen wird der Rohling gebacken. Dabei verbindet und stabilisiert das Harz die Fasern des Blanks. Sodann wird der Rohling vom Dorn gezogen, geschliffen, kontrolliert und mit Rutenringen und schliesslich mit einem Griff versehen und lackiert. Das Ganze ist ein aufwendiger Prozess, so geht etwa bei der US-Marke St.Croix jede Rute durch die Hände von 39 Mitarbeitern, ehe sie die Fabrik verlässt.

Wenig überraschend dominiert beim Rutenbau China. Die Industriemacht beherrscht den Markt weltweit und sozusagen­ alle Marken beziehen ihre Ruten aus dem unteren und mittleren Preissegment von den dortigen Fabriken. Einzig im hochpreisigen Segment (ab 250 Franken aufwärts) spielen noch andere Herkunftsländer, allen voran Japan­, eine Rolle. Japan produziert nicht nur Ruten, sondern liefert auch die hochwertigen Kohlefasermatten für hochwertige Blanks, etwa an Hersteller in den USA. 

 Ruten-Aktion auf dem Prüfstand. Die Messung der Biegung erfolgt per Hand. © Nils Anderson

Ruten-Aktion auf dem Prüfstand. Die Messung der Biegung erfolgt per Hand. © Nils Anderson


Rutenaktionen: Schnell, Moderat, Parabolisch?

Die Aktion zeigt, wo sich der Blank unter Last biegt und wie schnell er zurückspringt.

  • Eine schnelle Aktion arbeitet vor allem in der Spitze. Sie überträgt Zupfer direkt in das Handteil und lässt Jigs präzise springen. Das hilft beim Egli- oder Zander­fischen am Grund in Kombination mit geflochtener Schnur. Beim Wurf laden sich diese Ruten auf, werfen sehr präzise, benötigen aber gutes Timing.

  • Eine moderate Aktion biegt die Rute bis in die Mitte. Sie federt Kopfstösse besser ab und hält kleine Drillinge sicherer im Fisch. Das passt für Crankbaits, Twitchbaits und Gummifische, die stetig oder aktiv durch das Wasser gezogen werden. Sie laden über die Mitte auf, bieten solide Wurfweite bei höherer Fehler­toleranz und passen gut zu vielen Hardbaits.

  • Eine Rute mit langsamer, parabolischer Aktion biegt sich bis in das Handteil. Auch beliebt bei Forellensee-Spoons und Karpfen-/Match-Ruten, wenn feine Schnüre und eine sanfte Dämpfung während des Drills gefragt sind. Im Wurf laden sich diese Ruten tief bis ins Handteil auf, werfen weich und lang, sind aber weniger windstabil und präzise.

 

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