Fliegenfischen bei Nacht
17 | 09 | 2021 PraxisText & Fotos: Hans Schwab 0547
17 | 09 | 2021 Praxis
Text & Fotos: Hans Schwab 0 547

Fliegenfischen bei Nacht

«Wie soll denn das gehen?», fragt man sich, wenn man zum ersten Mal von nächtlichem Fliegenfischen hört. Housi Schwab aus dem Oberengadin macht mit dieser ungewöhnlichen Praxis seit vielen Jahren spannende Erfahrungen.

Als ich im Engadin mit dem Fliegenfischen anfing, rollte ich wie die meisten andern Fischer die Schnur auf, wenn es dunkelte. Aber da kamen nach 21 Uhr zu meinem Erstaunen immer wieder einige «alte Hasen», die offensichtlich erst jetzt mit Fischen begannen. In meinen frühen Jugendjahren im Berner Seeland verbrachte ich ganze Nächte bis zum Morgengrauen beim Nachtfischen auf Aal, Wels und Trüsche mit unvergesslichen Stimmungsmomenten. Dass diese Fische nachts auf Tauwürmer, tote Köderfischchen oder sonstige aromatische Happen bissen, schrieb ich dem Geruch der Köder zu. Aber dass Fische im Dunkeln auf kleine «Federbüscheli» beissen sollten, das konnte ich mir nicht vorstellen. 


Fische sind im Dunkeln aktiv

Denken wir an das Hegenenfischen in über 30 Metern Tiefe. Das ist von den Lichtverhältnissen her eigentlich wie Nachtfischen. Wie gut müssen diese Fische sehen können! Ganz zu schweigen davon, dass sich die Felchenspezis sogar über die Farben ihrer Nymphen streiten. Wenn also eine Fliege auf der Oberfläche präsentiert wird und dann noch leichte Furchen im Wasser zieht – wieso sollten unsere Fische diese nicht gegen den Nachthimmel orten können? Zudem ist mir aufgefallen, dass die nächtliche Wasser­oberfläche nicht ruhig und glatt ist. Im Restlicht von Mond oder Lampen sind überall Ringe zu sehen, kleine Wellen von Insekten auf dem Wasser oder Aufwallungen von Fischen dicht unter der Oberfläche. Insgesamt sogar viel mehr Aktivität als tagsüber! Ich stelle auch fest, wie die Arten unterschiedliches Steigverhalten zeigen. Bei uns im Engadin beginnen in den Abendstunden zuerst die Äschen mit dem Steigen, bis es schon recht dunkel ist. Danach folgt meistens eine rund zehnminütige Pause. Und dann gibt es in fast völliger Dunkelheit wieder Ringe. Und das sind dann fast nur noch Forellen. Da ich mindestens einmal im Jahr den Doubs besuche, habe ich festgestellt, dass auch dort nachts die Post abgeht. Wenn ich das bloss in meinen Jugendjahren schon gewusst hätte! Wir sind immer viel zu früh nach Hause gefahren.

 Oft sind es besonders schöne und über dem Durchschnitt liegende Forellen, die sich in völliger Dunkelheit an der Fliegenrute überzeugen lassen.

Oft sind es besonders schöne und über dem Durchschnitt liegende Forellen, die sich in völliger Dunkelheit an der Fliegenrute überzeugen lassen.


Nachtfliegenfischen

Es gab in meinen Anfangsjahren im Oberengadin auch einen richtigen «Ur-Engadiner», der mit einer langen Rute ohne Rolle, aber mit einer Art Fliegenschnur die Fliegen auslegte. Meist hatte er drei Nassfliegen am Vorfach, die er an der Wasseroberfläche ablegte und darüber schleifen liess. Ich liess mich davon inspirieren und zupfte Nassfliegen vom Typ «Black Zulu» und «Black and Peacock» und ähnliche im Dreiergespann über die Oberfläche. Mit erstaunlich vielen Bissen. Blieb dann eine Forelle hängen, gab es meist ein heilloses Durcheinander, weil sich der Fisch im Silch mit den Fliegen verwickelte. Sowas im Dunkeln zu entwirren, kostet Zeit und Nerven. Heute fische ich meistens eine einzelne trockene oder nasse Fliege am Vorfach. Manchmal kann es auch ein Streamer sein. Im Hochsommer fische ich oft zwischen 21.00 und 23.00 Uhr.  Eigentlich bin ich froh, dass der Gesetzgeber mich zwingt, dann aufzuhören. Irgendwann sollte auch jeder Angefressene mal schlafen gehen. Obwohl es manchmal vorkommt, dass die Seeforellen erst um 22.30 Uhr richtig zu steigen beginnen!


Übungssache

Ein Pluspunkt der Nachtfischerei ist es, dass sich dann oft die grösseren Exemplare an die Oberfläche wagen. Während man tagsüber eher kleinere Forellen fängt, steigt die Durchschnittsgrösse mit zunehmender Dunkelheit. Viele der Bisse erhält man sowohl am Fluss wie auch auf dem See auf Rutenlänge. Zu langen Würfen rate ich grundsätzlich eher nicht, denn die Bisserkennung wird auf Distanz immer schwieriger. Vielleicht fragst Du Dich, wie das Werfen, die Präsentation und der Anhieb in der Finsternis überhaupt funktionieren können. Besonders als Fliegenfischer-Anfänger ist das tatsächlich sehr schwierig. Wer schon hunderte Wurfstunden absolviert hat, verinnerlicht die Abläufe dermassen, dass alles automatisch abläuft, auch in stockdunkler Nacht. Einen Ring im Mondlicht anzuwerfen gelingt dann meist punktgenau. Doch den Biss zu erkennen oder vielmehr ihn richtig zu erahnen, braucht eine Art sechsten Sinn. Das kennen auch die gewieften Hegenenfischer, die scheinbar aus dem Nichts anschlagen. Es heisst auch beim Nachtfliegenfischen einfach: üben, üben, üben …

 Achtung Stolperfalle! Solche Löcher und andere Hindernisse können nachts zu einer echten Gefahr werden. Daher sollte man sich die zu befischende Strecke unbedingt bereits tagsüber gut ansehen und einprägen.

Achtung Stolperfalle! Solche Löcher und andere Hindernisse können nachts zu einer echten Gefahr werden. Daher sollte man sich die zu befischende Strecke unbedingt bereits tagsüber gut ansehen und einprägen.

 Wenn die Sonne untergeht, bleiben die Fische bis weit in die Dunkelheit aktiv. Wer zu früh sein Geschirr einpackt und heimgeht, verpasst womöglich die beste Beisszeit.

Wenn die Sonne untergeht, bleiben die Fische bis weit in die Dunkelheit aktiv. Wer zu früh sein Geschirr einpackt und heimgeht, verpasst womöglich die beste Beisszeit.


Vorbereitung

Wenn man die Strecke nicht sehr genau kennt, sollte man sie tagsüber studieren: Strömungen, Verlauf der Uferlinie und der Wassertiefen, Büsche und Bäume. Auch Gefahrenstellen wie tiefe Löcher und Stolperfallen sollte man sich gut merken. Die Sicherheit geht vor; mit einem gebrochenen Bein ist fertig gefischt. Die Nutzung von Taschenlampen und anderen künstlichen Lichtquellen sollte möglichst vermieden werden. Oft brauche ich an einem Abend gar nie eine Lampe und verzichte sogar auf den Blick aufs Handy. Denn auch unsere Augen gewöhnen sich erstaunlich gut an die Dunkelheit und ermöglichen ein gutes Handling. Ans Wasser nehme ich am Abend nur ein Minimum an Ausrüstung mit. Man kann ohnehin nicht irgendwelche komplizierte Montagen machen. Es empfiehlt sich, ein bis zwei Fliegen vor dem Fischen bereits daheim an das passende Vorfach zu binden und auf einer Schaumstoffrolle mitzunehmen. Die fertige Vorfachspitze kann dann beispielsweise an ein Pitzenbauerringli angebunden werden. Das geht viel besser, als nachts ein kleines Öhr zu treffen, um eine neue Fliege anzubinden.

 Nachts ein neues Vorfach oder das Fliegenmuster wechseln ist eine mühselige Angelegenheit. Deshalb nehme ich einige bereits vorgebundene Vorfächer mit Fliegen ans Wasser mit.

Nachts ein neues Vorfach oder das Fliegenmuster wechseln ist eine mühselige Angelegenheit. Deshalb nehme ich einige bereits vorgebundene Vorfächer mit Fliegen ans Wasser mit.

 Auch dänische Meerforellen beissen nachts besonders gut («Petri-Heil» berichtete darüber in Ausgabe 06/2020) © Terkel Broe Christensen

Auch dänische Meerforellen beissen nachts besonders gut («Petri-Heil» berichtete darüber in Ausgabe 06/2020) © Terkel Broe Christensen


Fliegenwahl

Am liebsten sind mir wegen des guten Kontrasts die dunklen Fliegenmuster. Wenn ich die Fliege auf dem Wasser abgelegt habe, bewege ich sie schliesslich immer ein kleines Bisschen. Die Sedges lasse ich sogar schlittern, die Zuckmückenimitationen hingegen bringe ich nur leicht zum Zittern. Streamer können auch nachts flott eingezupft werden. Die Vorfachstärken müssen wie immer der Fliegengrösse und dem Gewicht angepasst werden. Nachts kann man aber mit stärkerem Material fischen, denn die Fische sind im Dunkeln weniger vorfachscheu. Aber auch in der Dunkelheit ist die richtige Fliegengrösse wichtig! Bei den Sedges hat sich Grösse 12 bewährt, beim Zuckmückenschlupf fische ich 16er- und 18er-Fliegen. Im Dunkeln fischen die Ohren mit: Das Geräusch einer korrekt fliegenden Schnur hört man, denn wenns nicht mehr richtig läuft, dann «pfeift» sie anders. Dann heisst es sofort kontrollieren. Bei besonders starken Fliegenschlüpfen schnabulieren Enten und Blesshühner auch nachts die Mücken von der Oberfläche. Die Schmatzgeräusche leiten mich oft an die heissen Stellen. Und nicht nur Federtiere wissen die Insekten zu schätzen. Wenns richtig dunkel wird, stürzt sich auch mal eine Fledermaus auf eine furchende Segde … Nach einem Fehlbiss sollte man kurz die Fliege kontrollieren, denn manchmal liegt es daran, dass die Haken­spitze verbogen oder ein Knöpfchen im Vorfach ist.

Wenn man bei einem starken Schlupf die Wasseroberfläche beleuchtet, erkennt man mit grossem Erstaunen, wie eine wahre «Suppe» von Larven und schlüpfenden Insekten an der Oberfläche wuselt. Oft entstehen sogenannte «Cluster», ganze Häufchen von zusammensitzenden Fliegen. Auf dem Höhepunkt der Steigzeit, die manchmal fast in eine Raserei ausarten kann, fängt man plötzlich kaum mehr etwas. Es hat dann schlicht zu viele Beuteinsekten auf dem Wasser. Früher bin ich in solchen Situationen schier «vergitzelt», heute nehme ich das gelassener und geniesse das Naturspektakel. Inzwischen muss ich feststellen, dass die enormen Steigphasen auf meinem See heute nicht mehr so intensiv und regelmässig ausfallen wie in früheren Jahren. Da gab es etliche Sternstunden
mit «unanständigen» Fangerlebnissen. Aber das kennen wohl alle älteren Fischer von früher. Auch ich muss mich mit der heutigen Realität abfinden, die Fische viel mehr suchen und nach zwei, drei Steigringen oft feststellen, dass der Fisch nicht wieder hochkommt. Euch, liebe Leser, wünsche ich, dass Ihr Euch mal eine nächtliche Auszeit ans Wasser nehmt und nicht zu früh zum Feier­abend­bier geht. 

 

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