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| 20 | 03 | 2026 | Schweiz | |
| 20 | 03 | 2026 | Schweiz |
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Der dramatische Deltamethrin-Messwert in der Luzerner Wyna bei Beromünster schlug hohe Wellen. Fast die gesamte Presse der Schweiz berichtete über die im Oktober 2025 gemessenen Werte. «Petri-Heil» hat die Pächter getroffen und vor Ort einen Augenschein genommen.
Es ist Anfang März, der Raureif verdunstet unter den ersten Sonnenstrahlen, der Himmel ist strahlend blau, rundherum scheint es, als ob der Frühling jeden Moment loslegen möchte. Ich treffe Philipp und Peter Wyss, zwei der fünf Pächter vor Ort zu einem kleinen Rundgang am Gewässer, das anfangs Jahr für hohe Aufmerksamkeit sorgte.
Optisch ist die Wyna in einem guten Zustand. Der Biber sorgt für eine schöne Dynamik, das Bachbett ist vielgestaltig, mit zahlreichen Pools, Unterständen, Totholz, alles was man will. Doch dem Bach geht es offensichtlich nicht gut. Es fehlen seit geraumer Zeit die grossen Fische und nun weiss man wohl auch weshalb. Die Messstation gleich bei der Badi Beromünster mass hier im Herbst 2025 einen Deltamethrin-Wert, der 4200-mal über dem ökotoxikologischen Schwellenwert lag. Dies warf zumindest kurzzeitig hohe Wellen: Die Rundschau berichtete und ebenso die NZZ am Sonntag.
Grundursache ist die Behandlung der Rapsfelder mit ebendiesem Mittel. Zweimal im Jahr wird das hocheffektive Gift ausgetragen gegen die Schädlinge, welche die Rapskulturen bedrohen, einmal im Herbst und einmal im Frühling. Die Rapsfelder – und das erstaunt hier etwas – sind nicht etwa gleich angrenzend an die Wyna, sondern liegen einige hundert Meter entfernt auf den Hügeln rundherum. Und trotzdem sorgt das Mittel dafür, dass die Wasserinsekten-Fauna in der Wyna dermassen dezimiert ist, dass es für die Forellen kaum mehr zum Leben reicht und diese selbst geschädigt sind. Im «Petri-Heil»-Bericht zu Deltamethrin in der Ausgabe 11/2025 gibt Andrin Krähenbühl von der FIBER zu Protokoll: «Bei Salmoniden kann auch das Riechvermögen betroffen sein. Solche Effekte können sich negativ auf die Vermehrung, das Wachstum und das Überleben dieser Tiere auswirken.» Was nun genau welche Rolle spielt, ist Stand jetzt unklar, denn wie Peter Wyss sagt: «Kleine Forellen hat es noch, bis maximal 15 bis 18 Zentimeter, doch die Grossen fehlen.» Mittlerweile sind die Forellenbestände so stark zurückgegangen, dass die fünf Pächter die Fischerei letztes Jahr fast ganz eingestellt haben. Sie erzählen immer wieder von den guten alten Zeiten, die noch gar nicht so lange her sind. «Als ich dazu kam, vor sechs, sieben Jahren fing man Fische, wenn man fischen ging», sagt Philipp Wyss, «doch diese Zeiten sind vorbei.»
Beim Umkehren von einigen Steinen und totem Holz vom Gewässergrund bestätigt sich der Eindruck, dass es den Wasserinsekten hier richtig mies geht. Zwar finden wir vereinzelt kleine Larven von Steinfliegen, aber es sind etwa zehnmal weniger, als bei einem halbwegs guten Gewässer zu erwarten wäre, und diese auch nur von einer einzigen Art. Gerade im Totholz müsste der Anteil an Makrozoobenthos deutlich höher sein.
Die Pächter sind enttäuscht und fühlen sich auch machtlos. In Bundesbern intervenieren kann man als Pachtgruppe ja nicht. «Uns fehlt im Gegensatz zur Landwirtschaft halt auch einfach die Lobby», sagt Peter. «Wir haben hier einen optimalen Lebensraum, es hat ausreichend Beschattung, eine reiche Struktur und Vielfalt und trotzdem haben wir keine Forellen. Sie wandern ab oder verhungern, auf alle Fälle sind sie nicht mehr da», resigniert Philipp Wyss. Bereits vor einigen Jahren mussten sie einen Teil abfischen, weil eine Stützmauer saniert werden musste und die gefangene Anzahl Fische war rund viermal tiefer, als es der anwesende Gewässerexperte erwartet hätte. «Das Verrückte daran ist, dass der Austrag von Deltamethrin ja noch immer per Sonderbewilligung möglich ist. Und solange das in Bundesbern nicht geändert wird, müssen sich die Bauern auch keine Sorgen machen.»
Im Kanton Luzern sind die Fischerei und die Landwirtschaft bei der gleichen kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald angesiedelt: kurz lawa. «Wie es der Name schon sagt: Zuerst kommt die Landwirtschaft. Ist ja auch klar, die ist nun mal wichtiger als die Fischerei», sagt Peter und Philipp ergänzt: «Aber es kann einfach nicht sein, dass die Fische deswegen verschwinden müssen.» Rechtlich sieht die Dienststelle keinen Spielraum, wie die «Petri-Heil» vorliegende Antwort auf eine Anfrage der Pächter zeigt: «Verursacher der hohen Messwerte von Deltamethrin in der Wyna ist weder der Bund noch der Kanton. Es handelt sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die aktuell geltenden Grenzwerte in der Gewässerschutzverordnung wurden durch das Deltamethrin nicht überschritten.» Ob sie die Pacht weiterführen wollen, wissen sie zurzeit nicht. «Bei einem Gülleunfall und einem damit verbundenen plötzlichen Fischsterben greift das Verursacherprinzip und der fehlbare Bauer kann – zumindest prinzipiell – zur Verantwortung gezogen werden und muss für den Schaden aufkommen. Man kann dann auch zeigen, dass so und so viele Forellen betroffen sind. Bei einer schleichenden Vergiftung, die einen stillen, steten Rückgang zur Folge hat, funktioniert das hingegen nicht.»
Auch der Inhaber der Fischenzen macht sich gegenüber «Petri-Heil» auf einen kompletten Ausfall der Pachten gefasst und betont bei dieser Gelegenheit, dass der ökologische Schaden für ihn aber deutlich schwerer wiege. Obwohl der gemessene Wert reihum für Aufsehen sorgt und selbst gemäss Bundesrat Rösti besorgniserregend ist, wird sich bis auf Weiteres nichts tun. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt trotz allem: Sollten die für das Makrozoobenthos verheerenden Belastungsspitzen des Deltamethrins dereinst ausbleiben, kann sich dieses in relativ kurzer Zeit erholen. Dann dürfte es auch für die Bachforellen wieder besser aussehen, denn wie eingangs gesagt: Von der Struktur und der Lebensraumvielfalt her ist die Wyna in einem guten Zustand.
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