Bündner Flüsse im Winter trockengelegt
08 | 04 | 2022 SchweizText & Foto: Radi Hofstetter 02004
08 | 04 | 2022 Schweiz
Text & Foto: Radi Hofstetter 0 2004

Bündner Flüsse im Winter trockengelegt

Bundesbern will Winterstromlücken mit Wasser­speicher­reserven schliessen. Aber man hat die Rechnung ohne das Wetter gemacht.


Wer gerne im Sommer in den teilweise aufwendig renaturierten Talflüssen der Bündner Südtäler, also der Moesa und der Calancasca im Misox oder dem Poschiavino im Puschlav fischt, muss im Februar wegschauen, um nicht losheulen zu müssen. Es herrscht derart Wassermangel, dass in grossen Abschnitten der Bäche weder Nährtiere noch Fische überleben können. Klar, dieser Winter war extrem. Im Januar und Februar 2022 fielen insgesamt weniger als 15 mm Regen, was nicht mal 20 % des 10-Jahresmittels entspricht. Ein Extremwinter also? Leider häufen sich diese niederschlagsarmen Winter seit ein paar Jahren und werden in den Südbündner Tälern fast schon zur Regel. Damit wird das Überleben der Bachforellen in diesen Flussabschnitten akut gefährdet. Denn standorttreue Fische brauchen auch im Winter Wasser!


Kraftwerke sind nicht verpflichtet

Das Bundesgerichtsurteil bzgl. Restwassersanierung KW Misox hat im Jahr 2012, also vor 10 Jahren, die Kraftwerksgesellschaft verpflichtet, bei vier der grösseren Wasserfassungen in der Moesa und der Calancasca minimale Restwassermengen fliessen zu lassen. Aber erst im letzten Herbst (Nov. 2021) hat die Bündner Regierung dem Umsetzungsvorschlag der KW?Misox grünes Licht erteilt. Folglich sind diese immer noch nicht gebaut. Zudem gibt es keine Verpflichtung für die Kraftwerke, um in Trockenzeiten Wasser aus den obenliegenden Stauhaltungen zu turbinieren, damit wenigstens im unteren Teil des Flusses, nach der Wasser­rück­gabe, ausreichend Wasser fliesst. Der Stausee bei San Bernardino ist Anfang März 2022 fast noch voll und die Moesa trocknet aus! 

Im Gegenteil: Der Bundesrat hat Ende Februar 2022 beschlossen, dass bestehende Stauhaltungen zukünftig mehr Wasser zurückhalten müssen, um einer allfälligen Strommangellage im Winter begegnen zu können. Das Wasser fliesst in Zukunft also nur noch, wenn in Deutschland schlechtes Wetter herrscht oder ein AKW vom Netz geht. Mit den 15 zusätzlich zu bauenden Stauhaltungen, die im November 2021 am Runden Tisch mit den grossen Umweltverbänden ausgehandelt wurden, lassen sich in vielleicht 10 bis 15 Jahren weitere 2,2 TWh (2200 GWh) an Wasserkraft für den Winter bevorraten. Aktuell können sämtliche Stauseen der Schweiz insgesamt 9 TWh speichern. Der Zubau ergibt eine Kapazitätserweiterung um 24 %. Aber mit der E-Mobilität und dem Umbau der Gebäudeheizungen weg von fossilen Brennstoffen fehlen der Schweiz schon in wenigen Jahren 8 bis 12 TWh Winterstrom. Wenn die AKW dereinst abgeschaltet werden, müssen für das Winterhalbjahr weitere 12 TWh kompensiert werden. Das geht nicht mit Wasserkraft.

Wir müssen schnell umdenken, denn die Strommangellage im Winter wird schon sehr bald zur alljährlichen Realität und mehrtägige Blackouts sind höchst wahrscheinlich. Die Corona- und die Ukrainekrise haben uns vor Augen geführt, wie gefährlich es ist, wenn man sich auf ausländische Zulieferer verlässt. Wenn Putin will, wird es bei uns dunkel! 


Sommerenergie speichern

Wir müssen massiv in grosse Photovoltaik-Anlagen (PV) investieren und deren überflüssige Sommerenergie für den Winter speichern. Das funktioniert in dieser Grössenordnung nur chemisch. Der oft vorgeschlagene Wasserstoff funktioniert nicht als Saisonspeicher, da seine Energiedichte bei Normaldruck viel zu gering und die Kühlhaltung bei Verflüssigung so hoch ist, dass nach 6 Monaten mehr Energie verbraucht wäre, als der Speicher hergibt. Es bleibt nur die Umwandlung in synthetisch hergestelltes Methan oder Methanol. Beides kann hergestellt werden, indem man CO2 aus der Luft oder viel besser bei den bestehenden grossen CO2-Emittenten (Zementfabriken, Kehrichtverbrennungsanlagen, Kläranlagen) direkt am Kamin abzapft. Methan lässt sich wie Erdgas in riesigen Tanklagern speichern, aber diese existieren in der Schweiz nicht. Auch ist Methan ein viel grösseres Treibhausgas als CO2. Natürlich kein Problem, wenn nichts schiefläuft und das Methan im Gaskraftwerk wieder zu CO2 und Wasser verbrennt. Die Umwandlung überflüssigen PV-Stroms zu Methanol ist vom Wirkungsgrad her schlechter als bei Methan, aber die Lagerung und der Transport sind viel einfacher. Methanol lässt sich exakt gleich speichern wie Heizöl. Denn es ist flüssig, kaum flüchtig und hat einen halb so grossen Energiewert wie Diesel. Wir könnten also alle verfügbaren und in der fossilfreien Zukunft nicht mehr benötigten Tanklastwagen und Öllager für die saisonale Speicherung von synthetischem Methanol nutzen und dieses bei Bedarf in den vom Bundesrat vorgeschlagenen Gaskraftwerken verbrennen. Der schlechte Wirkungsgrad ist dann irrelevant, wenn man nur überschüssigen PV-Sommer-Strom (sozusagen zum Nulltarif) in Methanol umwandelt und diesen bei Strommangellage zum Höchsttarif verkaufen kann.


Die Bündner Sonne nutzen

Der Kanton Graubünden ist nicht nur ein Wasserschloss, sondern auch eine zumeist nebelfreie Sonnenoase. Statt unsere Flüsse weiter zu quälen, sollten wir damit beginnen, unsere sonnenbeschienenen Betonflächen (nicht nur die Hausdächer) mit PV-Anlagen zu bedecken. Dafür haben wir mehr als genug Autobahnen, Parkplätze, Rangierbahnhöfe zur Verfügung, die wir überdachen können. Kein Autofahrer wird böse sein, wenn ihn die Sonne im Winter nicht mehr blendet und es keinen Schneematsch auf der Fahrbahn mehr hat und folglich keine Schneepflüge ihn ausbremsen.

 

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